Neue Freunde auf Strassen und Trails

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 Neue Freunde auf Strassen und Trails
Geschichten Neue Freunde auf Strassen und Trails
Wir Velofahrer können dazulernen. Gestern noch waren die Autofahrer unsere härtesten Herausforderer. Heute sind es die motorisierten Elektro-Radler. Zeit für Klartext unter Velo-Freunden.
Das waren noch Zeiten. Jahre und Jahrzehnte pedalten wir alle nach denselben Spielregeln. Wer härter war als andere und bessere Beine hatte, sprintete am steilen Berner Aargauerstalden mit seinem Militärvelo schneller den Stutz hoch als all die anderen auf ihren Schaltvelos. Wer besser trainiert war, wuchtete sein Rennrad in unter 70 Sekunden vom Helvetiaplatz hinauf zum Thunplatz. Wer technisch besser drauf war, überfuhr die Traminseln fliegend seitwärts und nervte fahrspursperrende Zeitgenossen in ihren fetten Sports Utility Vans: Die Damen und Herren mussten warten. Wir hatten Vorfahrt, fast immer, auch bei Rotlicht.

Wer eleganter unterwegs war und gemütlicher, pedalte mit seinem Chörblivelo quer durch alle Fussgängerzonen. Fussgänger vergassen ihre Widerrede, weil der Fahrtwind die Oberschenkel der Ladies offenbarte und das war mit Schein Grund genug, ein Fahrverbot ohne Konsequenzen überrollen zu können. Tja, wir Radfahrer waren damals unter uns, geeint: Wir Velo, die andern nicht. Unsere grösste Herausforderung galt dem eigenen Fortkommen und dem Tret-Widerstand gegen die mächtigeren und die mächtigen Nutzer der Strassen: Die Automobilisten, die Busse, die Lastwagen, die Taxis. Radfahrer waren in einem Fluss unterwegs, auf gemeinsamen Spuren, in gemeinsamer Mission. Velo statt Auto. Das war sozusagen gestern…

Heute ist alles anders geworden. Da kommen noch Zeiten. Das elektrische sirren und schweben und speeden aufgekommen. Das Rückgrat der Velofahrenden mit Elektromotor ist steifer geworden, der Blick starrer. Die Dame im Strassenverkehrs-Signalanzug überholt den Rennradler mit grimmigem Blick. Ihr Tempo, aufwärts, beträgt an die 30 km/h. Ihre Sitzposition hoch aufgerichtet, stramm. Die Leuchtdioden leuchten, der Elektromotor zieht und zischt. Sie lässt den Muskel-Pedaleur ganz einfach stehen. Eine Elektro-Velofahrerin. Schnell, dezidiert, unnachgiebig.


Viel rascher als prognostiziert, setzen sich Elektrovelos und -mountainbikes breit durch. Von bereits hunderttausenden Exemplaren in der Schweiz ist die Rede. Im Süden Deutschlands sollen gar gegen eine Million neuer Elektro-Velos in den Verkehr gekommen sein. Dieses völlig neue Fahrgefühl, vorwärtsgetrieben und aufwärts gepeitscht vom Elektromotor, dieses Hoch, untrainiert schneller zu sein als langjährige Velo-Pendler. Dieses Gefühl der Überlegenheit, im langen Aufstieg zur Alp die Muskelbiker einfach stehen zu lassen mit dem E-Mountainbike und dem Ersatz-Akku im Rucksack. Ein schönes Gefühl für weniger trainierte Velofahrer.

Doch das sind die neuen Velo-Zeiten - und sie werden andauern. Also werden sich Muskelradler an die Motor-Velos gewöhnen, wie wir uns einst an die Autos, die Lastwagen, die Motorräder gewöhnt haben. Wir Velofahrer wissen seit jeher: Auf der Strasse gibt es mächtigere, schnellere Geräte. Wir wissen und wir sind stolz darauf: Nie wird es edlere Verkehrsteilnehmer geben als wir es sind, die lautlos Fortbewegten, die langsameren, die echten Muskel-Kraftler. Bloss, das Dilemma kriegen wir so nicht weg. Wir Lautlosen, die besseren Menschen? Die Elektroradler dafür die unökologischen Fräser, die Rücksichtslosen, die Energiefresser, die Blochers dieser Velowelt?

Sicher ist so viel: unter den Velofahrenden kommt es immer häufiger zu Rangeleien, zu gefährlichen Situationen, zu haarsträubenden Überholmanövern, zu Vollbremsungen, zu verbalen Auseinandersetzungen und zu Unfällen. Für alle, die mit dem Velo unterwegs sind, ist die Zeit zu handeln da. Beide Gruppen, beide Lager von Velofahrenden, die Muskelradler und die Motorradler müssen jetzt aktiv werden, um weitere Vorschriften und Auflagen zu verhindern. Wir müssen ganz einfach Ansprüche stellen an uns selber und die jeweils andere Zielgruppe.

Es ist an den Elektro-Velofahrern, ihre Überlegenheit unter den Velofahrenden weniger offensiv, weniger aggressiv auszukosten, weniger auf Power zu machen, weniger herumzumackern. Die E-Velofahrer können künftig defensiver fahren, Rücksicht nehmen, früher abbremsen, um Mütter und Väter auf Pedalvelos, mit Kindern in Kindersitzchen und in Kinderanhängern nicht zu erschrecken. E-Velofahrer müssen besser verstehen, dass ein Geschwindigkeits-Delta von 20-30 Stundenkilometern enorm bedrohlich wirken kann - für den langsamen Verkehrsteilnehmer. Wenn Elektrovelofahrer im Gegenwind ihre Überlegenheit auf der Strasse ausspielen, dann erschrecken alle andern Velofahrenden ganz bestimmt, denn sie können die schnellen Pacer nicht hören, sie sind plötzlich einfach da.

«Elektrovelofahrer fahren mit den neuen E-Bike-Generationen inzwischen so schnell wie Autos in Innenstädten.»
Diese elektrisch gepowerten Verkehrsteilnehmer haben aus Rücksicht auf die langsameren Velofahrer auch mal die Wahl, auf der Strasse auszuweichen, im motorisierten Verkehr mit zu schwimmen, statt auf den Fahrradstreifen mit forcierten Tempi die langsameren Artgenossen zu erschrecken und zu gefährden. Die lautlos bewegten Radfahrer müssen sich andererseits daran gewöhnen, dass neuerdings ein zusätzlicher, ein stärkerer Partner der eigenen Art am Verkehr teilnimmt… und wir alle haben die Gewissheit: Dies wird so bleiben. Die stärkeren unter uns, die schnelleren, die pressierten, die Elektro-Velofahrenden können zur Entspannung beitragen, indem sie sich daran erinnern, wie es früher einmal war, als sie selber noch keinen Booster am Rahmen hatten.


Es gibt gute Möglichkeiten, friedlich Elektro-Velo zu fahren: Rücksicht nehmen, umsichtig unterwegs sein, eine etwas langsamere Geschwindigkeit an neuralgischen Stellen, weniger Tretfrequenz aufbauen, weniger riskante Überholmanöver fahren. Den Vorsprung durch Technik so einsetzen, dass die anderen, die langsameren Velofahrer eine gute haben.

Die ohne Elektroantrieb, die ökologisch korrekteren unter den Velofahrenden, sollen nicht allzu sektiererisch auf ihrem elitären Ansatz beharren. Klar, wir alle wollen die besseren Menschen sein und wir alle müssen etwas machen, um die laufend wachsende Luftverschmutzung zu neutralisieren. Vor allem müssen wir heute einen Weg finden, unter Velofahrenden ein lockeres Miteinander zu definieren.

Vielleicht braucht es als Leitmotiv den guten alten Werbesong, der schon den Autofahrern derart gut geholfen hat, vom Gas zu gehen:

«Slow down, take it easy»
Wir alle fahren mit Velos, weil wir die Bewegung schätzen, die Einfachheit des Gefährts, seine Wendigkeit, die einfache Art, wie es zu parkieren, wegzupacken ist. Vermeiden wir den sich anbahnenden Stellvertreter-Krieg unter rechthaberischen Velofahrerinnen und überehrgeizigen Velofahrern.

Vergessen wir nicht. Die Fahrrad-Zukunft wird verhältnismässig besser werden, was den Verkehr anbetrifft: Radwege, Velo-Strassen, deutlich mehr Velos, markant mehr Elektrovelos. Selbstfahrende, automatisch rücksichtnehmende Autos in urbanen Zonen. Abgasfreie Busse, elektrisch betriebene Lieferwagen, weniger Lärm, Stress und Gestank. Da kommen gute Zeiten.

Vorausgesetzt, wir Freunde der lautlosen Fortbewegung lernen rasch, besser Rücksicht zu nehmen. Auf die schwächeren Velofahrer, auf die Velofahrer ohne Motor.

Zur Person

Der gebürtige Emmentaler Bendicht Luginbühl ist seit 2005 Geschäftsleiter und Partner des Beratungsunternehmens REPAPER AG für Informationsmanagement in BERN und ZÜRICH. Er verfügt über 16 Jahre operative Führungserfahrung in Medien- und Verlagsunternehmen und wurde für seine journalistischen Arbeiten mehrfach ausgezeichnet.

Luginbühl war Mitgründer und Geschäftsleitungsmitglied der Goldbach Group in Küsnacht. Als Programmchef des Radiosenders DRS3 war er Mitglied der Geschäftsleitung von Schweizer Radio DRS. Bendicht Luginbühl gründete mit dem Verleger Beat Curti das erste digitale Verlagsunternehmen der Schweiz, die Swisscontent Corp. in Zürich und war deren erster CEO. Heute ist Luginbühl Partner und VR von Swisscontent.

Bendicht Luginbühl gehört zu den Mountainbike-Pionieren der Schweiz. Er gilt als Erfinder der faltbaren Velo-Transporttasche und ist Inhaber des Velo-Transportsystems TranZbag.com. Im TranZbag lassen sich Velos in praktisch allen öffentlichen Verkehrsmitteln Europas gratis befördern.

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