Ein Dorf im Ausnahmezustand

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Ein Dorf im Ausnahmezustand
GeschichtenEin Dorf im Ausnahmezustand
Anfang Januar steigt in Adelboden die grosse Weltcup-Party. Die Bevölkerung weiss genau, wie sie mit dem Rummel umgehen muss – und ihn nutzen kann
In Adelboden leben etwa 3600 Einwohner. Am ersten Wochenende im Januar steigt die Zahl aber um das Zehnfache an, wenn hier der FIS-Weltcup haltmacht. Ein solches Rennen verlangt vor allem viel Verständnis von den Adelbodnern. Denn was man bei den TV-Übertragungen nicht sieht: Rund um das Zielgelände im «Boden», wo die Tribüne und die Festzelte aufgebaut werden, wohnen Menschen – auch während des Rennwochenendes. Eine von ihnen ist die 89-jährige Berta Aellig. «Die letzten Jahre stand ein riesiges Zelt gleich vor meiner Haustür», sagt sie. Wenn die 120 Sattelschlepper mit dem Material aufs Gelände fahren, schaue sie, dass sie nicht so oft raus müsse. Genervt von dem Trubel ist Berta Aellig aber nicht. «Wir sind das ja gewohnt und tragen gern einen Teil dazu bei, dass der Grossanlass ein Erfolg wird.»

Bode Miller parkierte den Camper gleich hinter dem Restaurant


Am Wochenende selbst gilt Ausnahmezustand. Die Schwestern Therese und Christine Aellig erleben ihn, seit sie 1993 das Restaurant Wildstrubel im «Boden» von ihren Eltern übernommen haben. Am Rennwochenende arbeiten 25 bis 30 Personen schichtweise in ihrem Betrieb. Als Trinkgeld gibt es schöne Erinnerungen, etwa an Bode Miller, der seinen Camper gleich hinter dem Restaurant parkierte, oder an Marc Girardelli, der am Morgen vor dem Rennen im Wildstrubel eine Ovomaltine trank.

Urs Gerber arbeitet seit über drei Jahrzehnten im Restaurant Bodehüttli, gleich neben der Zuschauertribüne – erst als Koch, seit diesem Juni als Wirt. «Früher kam Michael von Grünigen nach dem Rennen mit seiner Familie immer zu uns», erinnert sich der 51-Jährige, «oder auch Marc Girardelli und Pirmin Zurbriggen.» Heute würden die Sportler viel mehr abgeschottet und reisten nach dem Rennen meist gleich weiter.

«Dass Sportler wie Alberto Tomba oder Hermann Maier vor dem Rennen Fussball spielen, erlebt man jedenfalls nicht mehr.» Urs Gerber
Wirt Restaurant Bodehüttli
Dennoch schauen auch heute noch viele Prominente während der Rennen im Bodehüttli vorbei. Auch wenn Urs Gerber am Weltcup-Wochenende auf etwa zwanzig Hilfskräfte zurückgreifen muss, stimmt die Kasse. «Nicht auszudenken, wenn uns die FIS die Rennen wegnähme», resümiert der Gastronom. «Aber nicht nur vom finanziellen Standpunkt aus, sondern auch, weil es eine tolle Veranstaltung mit grossartiger Stimmung ist.»

«Während des Weltcups liegt das Geld auf der Strasse», bestätigt auch Metzger Fritz Gemperle, der sein Geschäft im Dorf selbst hat. «Man muss zwar hart arbeiten, aber es lohnt sich.» Gemperle und sein Team können zweigleisig fahren. Einerseits liefern sie Fleisch und Wurstwaren in das Weltcup-Dorf, andererseits betreiben sie Bratwurststände im Dorf, wo die Auslosungen der Startnummern und die Siegerehrungen stattfinden.

«Uns als Veranstalter ist es sehr wichtig, dass die lokalen Geschäfte etwas vom Weltcup haben», sagt Kathrin Hager, Geschäftsführerin der Ski-Weltcup Adelboden AG. Konkret heisst das, dass jedes Hotel in Adelboden und Umgebung für die Athleten, Medienvertreter oder Sponsoren gebucht ist. Zuschauer, die übernachten wollen, müssen bis nach Spiez ausweichen oder versuchen, eins der privat vermieteten Zimmer zu ergattern.

Lauberhorn, Jungfrau Region
Lauberhorn, Jungfrau Region

Die regionale Wertschöpfung beträgt 5,3 Millionen Franken


Ortsansässige übernehmen aber auch die Leitung der Auf- und Abbauarbeiten. Der örtliche Weinhändler und die Bäckereien liefern Speis und Trank, Blumengeschäfte sorgen für Dekorationen. Eine Studie von 2009 ergab eine regionale Wertschöpfung von 5,3 Millionen Franken – bei einem Budget von etwa drei Millionen Franken. «Bei normalen Skiverhältnissen stopft der Weltcup unser Januarloch», so Kathrin Hager.

Damit die Organisatoren weiterhin auf das Verständnis der Bevölkerung zählen können, investieren sie viel in die Kommunikation. Schon im September gehen sie zu den Landbesitzern im «Boden» und zeigen ihnen, was sich ändern wird. Über allem steht ein Gesamtkonzept. Es gilt, Beschallung und Brandschutz zu regeln oder die Hygiene der Gastrobetriebe sicherzustellen. 3300 Arbeitsplätze müssen über das Event-Wochenende besetzt werden. Aber auch Profis stellen in gewissen Bereichen einen reibungslosen Ablauf sicher. 120 bis 150 «Broncos» übernehmen die neuralgischen Punkte der Security, ein Sanitätsteam ist vor Ort, Ambulanzen und Rettungshelikopter stehen in ständiger Bereitschaft.

Freiwillige Helfer sammeln den liegen gebliebenen Abfall ein


Mehr als hundert Sattelschlepper Material werden nach Adelboden gefahren. Kann das nachhaltig sein? «Vermutlich lässt sich ein solcher Gross-Event nicht im engeren Sinn nachhaltig durchführen», räumt Geschäftsführerin Kathrin Hager ein. «Als Veranstalter können wir aber unser Möglichstes versuchen.» Dazu gehört etwa, dass nur kompostierbares Geschirr verwendet oder auf Glasflaschen Depot erhoben wird. «Schon während des Weltcup-Fests sammeln rund zwanzig Freiwillige liegen gebliebenen Abfall ein», sagt Kathrin Hager. In der Woche darauf folgt eine weitere Güselrunde. «Und ist der Schnee im Frühling weg, gehen das OK und seine Helfer zwei Tage lang über das Festgelände, um auch noch die letzten Reste aufzusammeln.»

Adelboden, Adelboden-Frutigen
Adelboden, Adelboden-Frutigen

3300 Freiwillige gesucht


Die Organisatoren der Weltcup-Rennen in Adelboden setzen auf ein innovatives System, um die rund 3300 Arbeitsplätze zu besetzen. «Wir suchen die Leute nicht über Plattformen, sondern über Vereine», sagt Martin Hari, Projektleiter Unterkunft und Staff. Der Clou: Entschädigt werden nicht die Volunteers selber, sondern die jeweiligen Vereine.

Einer dieser Volunteers ist Adrian Goetschi. Der 33-jährige Berner ist Projektleiter bei Adelboden Tourismus und betreut die rund 200 Fotografen und Medienvertreter. Gemeindeschreiberin Jolanda Lauber ist noch näher am Geschehen. Die 34-jährige Adelbodnerin hilft seit fast zehn Jahren beim Starthäuschen. «Bei meinem Beruf fühle ich mich fast schon verpflichtet zu helfen – schliesslich nützt der Anlass dem ganzen Dorf», sagt sie. Es sei interessant, wie unterschiedlich sich die Athleten kurz vor dem Start verhalten. «Benjamin Raich und Didier Cuche waren immer so fokussiert, dass man sie gar nicht ansprechen durfte. Andere wiederum machen Witze, bis sich das Starttor öffnet.»

Christoph Weissmüller ist seit zwanzig Jahren Kassier am Weltcup-Wochenende – logisch, der 54-jährige Adelbodner arbeitet bei der Berner Kantonalbank als Kundenberater.

«Der Weltcup ist für Adelboden ein einmaliges Erlebnis, da muss man einfach mitmachen!» Christophe Weissmüller
Kundeberater Berner Kantonalbank
Einen Nachteil hat sein Weltcup-Engagement allerdings. «Ich habe noch nie einen zweiten Lauf gesehen!», lacht der Skifan. «Wenn es spannend wird, packen wir im ‹Boden› zusammen. Wer gewonnen hat, erzählen mir dann die Kollegen.»

Nervenkitzel am Lauberhorn


Wenn im autofreien Bergdorf Wengen plötzlich Hochbetrieb herrscht – dann ist Rennwochenende. Bereits zum 87. Mal kämpfen vom 13. bis zum 15. Januar 2017 die weltbesten Skirennfahrer am Lauberhorn um FIS-Punkte – und hohe Preisgelder. Zum ersten Mal in der Geschichte werden pro Disziplin 120 000 Franken für den Sieg ausgeschüttet.

Zum Übernachten müssen Gäste bis nach Interlaken ausweichen


Bis zu 30 000 Skifans verfolgen jeweils die Abfahrt am Samstag, etwas weniger, aber immer noch über 10 000 Zuschauer sorgen am Freitag bei der Alpinen Kombination und am Sonntag beim Slalom für Stimmung. Sie alle müssen mit der Bahn anreisen. Denn obwohl Wengen über eine bestens funktionierende Infrastruktur verfügt, ist diese am Rennwochenende bis zum Äussersten ausgelastet. Praktisch alle Zimmer sind durch die Sportler, Betreuer, Techniker und Journalisten besetzt. Wer das ganze Rennwochenende miterleben will, muss zum Übernachten oft bis nach Interlaken ausweichen.

Mindestens ebenso wichtig wie die legendären Sprünge über den Hundschopf ist aber das Drumherum. Und das beginnt schon am Donnerstagabend mit der offiziellen Eröffnung und der Startnummernauslosung. Dann geht es Schlag auf Schlag: Rennen, Flugshows der Patrouille Suisse, Siegerehrungen und Unterhaltung im Festzelt sorgen dafür, dass es einem das ganze Wochenende lang garantiert nicht langweilig wird. Und im Schnee übernachten muss auch niemand: Extrazüge sorgen bis 2.30 Uhr dafür, dass man zumindest bis hinunter nach Lauterbrunnen kommt.

Übrigens: Der wilde Ritt über die Lauberhornpiste ist nicht nur den Profis vorbehalten. Auch Amateure können sich an der längsten Abfahrt der Welt versuchen. Sogar die Berner Musiklegende Polo Hofer packte vor vielen Jahren die Gelegenheit beim Schopf und versuchte sich als Vorfahrer. Doch Vorsicht: Die rund 4500 Meter lange Piste weist ein Gefälle von bis zu 42 Prozent auf.

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