Der schönste Arbeitsplatz der Welt

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Der schönste Arbeitsplatz der Welt
GeschichtenDer schönste Arbeitsplatz der Welt
Auf dem Jungfraujoch befindet sich eine der weltweit bedeutendsten Forschungsstationen im Hochgebirge. Unterhalten wird sie abwechselnd von zwei Betriebsleiterpaaren, den einzigen Bewohnern des «Top of Europe»
Es war in der Schweiz nie leicht, visionäre Grossprojekte zu verwirklichen. Auch die Pläne des Unternehmers Adolf Guyer-Zeller, eine Bahn auf die Jungfrau zu bauen, stiessen zunächst auf massive Opposition. Der Zürcher zog schliesslich alle Register, um seinen Traum zu verwirklichen, und versprach in seinem Konzessionsgesuch, auf dem Jungfraujoch eine Forschungsstation zu unterstützen, wenn das Schweizer Parlament in den Bau einwilligte. Die Räte sagten Ja, die Bauarbeiten konnten beginnen.

Ab 1912 fuhr die Bahn aufs Jungfraujoch. Damit wurde auch die Planung der Forschungsstation auf dem «Top of Europe» konkret. Hier sollten Forscher aus der ganzen Welt Experimente in der Höhenluft durchführen. Zu den Gründungsmitgliedern der Stiftung, welche die Station bis heute betreibt, gehörten Institutionen aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, England und Österreich, später kamen noch Einrichtungen aus Belgien und Italien hinzu. 1931 wurde die Station mit fünf Laboratorien auf 3454 Metern über Meer eröffnet, 1937 nahm das Observatorium mit der markanten Kuppel seinen Betrieb auf. Die Station zählt heute zu den weltweit wichtigsten ihrer Art.

«Das hat damit zu tun, dass sie so hoch liegt», sagt Professor Markus Leuenberger. Der Umweltphysiker an der Universität Bern ist Direktor der Internationalen Stiftung Hochalpine Forschungsstationen Jungfraujoch und Gornergrat (HFSJG).

«Das Jungfraujoch befindet sich in der freien Troposphäre. Hier lassen sich zum Beispiel generelle Aussagen über die Luftqualität in Kontinentaleuropa machen.» Professor Markus Leuenberger
Umweltphysiker Universität Bern
Von den jeweils 50 bis 60 wissenschaftlichen Projekten, die auf dem Jungfraujoch gleichzeitig laufen, haben 80 Prozent mit Klima- und Umweltforschung zu tun. Grundsätzlich kann sich jeder Forscher, jede Forscherin bei der Stiftung melden und sich mit einem Projekt um einen Platz auf dem Jungfraujoch bewerben.

Jungfraujoch, Jungfrau Region
Jungfraujoch, Jungfrau Region

Auf der Station gibt es ein Dutzend Zimmer für die Forscher


In der Forschungsstation herrscht reger Betrieb. Projektleiter kommen, um ihre Instrumente für Langzeiterhebungen einzurichten, andere führen Messungen an Probanden durch. Die Station verfügt deshalb über eine eigene Unterkunft mit einem Dutzend Zimmern. Jährlich verzeichnet das Wissenschaftlerhotel rund tausend Aufenthalte. Betreut werden die Gäste von den einzigen Menschen, die auf dem Jungfraujoch wohnen, den Betriebsleitern der Forschungsstation. Zwei Paare wechseln sich ab. Seit 15 Jahren bestreiten die 47-jährige Joan Fischer und ihr vier Jahre älterer Mann Martin das grössere Pensum. Die beiden leben und arbeiten jeweils zwanzig Tage in der Forschungsstation, dann geniessen sie elf freie Tage in ihrem Haus in Brienz.

Joan betreut die Forscher, Martin kümmert sich um die Einrichtungen


Aufgewachsen ist Joan in der Nähe von Rotterdam. Als junge Frau kam sie ins Berner Oberland und verliebte sich in den einheimischen Zimmermann Martin. «Ich kam sieben Meter unterhalb des Meeresspiegels zur Welt und hatte überhaupt keinen Bezug zu den Bergen», erzählt sie. «Jetzt bin ich wohl mehr Bergler als die meisten Schweizer.» Drei Jahre lang arbeitete das Paar vorher als Gipfelwart auf dem Schilthorn. Der grosse Traum war aber das Jungfraujoch, denn Martin hat eine ganz besondere Beziehung zu diesem Ort: Hier lernten sich seine Eltern kennen. Der Vater arbeitete als Koch auf dem Joch, die Mutter als Serviererin.

Als dann ein Betriebsleiterpaar für die Forschungsstation gesucht wurde, packten die Fischers ihre Chance.«Man muss sich schon sehr gut verstehen, wenn man zusammen eine solche Aufgabe wahrnimmt», sagt Joan. Ein Vorteil sei, dass die Arbeitsbereiche strikt getrennt seien. Joan betreut die Unterkunft und die Wissenschaftler, Martin kümmert sich um den Unterhalt der Gebäude und Instrumente. Wissenschaftliche Kenntnisse brauche es nicht, sagt er. «Es gibt sowieso niemanden, der alle Instrumente versteht.» Liefert ein Gerät mal keine Daten mehr, versucht Martin, den Schaden zu beheben. Messinstrumente weisen hier oben häufiger Störungen auf als im Tal: «Das hat mit der kosmischen Strahlung zu tun, die hier zwölfmal stärker ist.»

Neben dem Unterhalt der hochempfindlichen Instrumente gehört viel Knochenarbeit zu Martins Pflichtenheft. Etwa das Schneeräumen frühmorgens bei minus 20 Grad. Fünfmal täglich muss er zudem Wetterbeobachtungen rapportieren: «Ich schaue aus dem Fenster, bestimme die Sichtweite und die Wolkensituation.» Das klingt nicht gerade wissenschaftlich, tatsächlich gebe es aber noch immer Parameter, die sich nicht mit Geräten erfassen liessen.

Eispalast Jungfraujoch, Jungfrau Region
Eispalast Jungfraujoch, Jungfrau Region
Jungfraujoch, Jungfrau Region
Jungfraujoch, Jungfrau Region

Der berufliche Alltag der Betriebsleiter ist klar strukturiert, die Möglichkeiten für Aktivitäten neben dem Beruf bleiben äusserst limitiert. Wird es den Fischers nie langweilig? Martin lacht. «Nie! Es gibt immer wieder neue Geräte, ich lerne unentwegt dazu.» Und das Sozialleben sei nicht dermassen beschränkt, wie man vielleicht annehme. Tagsüber arbeiteten viele Leute hier. «Und im Sommer besuchen wir regelmässig die Hüttenwarte der Mönchsjochhütte.»

Die Abende in der Privatwohnung oberhalb des Wissenschaftlerhotels sind ruhig. Neben den Betriebsleitern übernachtet nur noch ein Bahnangestellter auf dem Jungfraujoch. «Am Abend tun wir das, was auch die meisten Menschen im Tal tun», sagt Joan, «wir essen, lesen, schauen fern.» Der grosse Vorteil ihres Arbeitslebens sei die elftägige Pause nach jedem Arbeitseinsatz.

«Das ist wie Ferien. Wir führen praktisch zwei Leben.» Joan Fischer
Betriebsleiterin Forschungsstation Jungfraujoch
Martin bestätigt: «Vieles mache ich nur hier, anderes nur, wenn wir in Brienz sind. Unten setze ich mich überhaupt nie an den Computer – stattdessen steige ich oft aufs Velo.» Interessant sei, wie sich die beiden Leben auf die Wahrnehmung auswirkten, meint Joan: «Wenn ich ins Tal fahre, bin ich jedes Mal überwältigt von den Farben – das Auge gewöhnt sich hier oben an das viele Weiss.»

Die klimatischen Veränderungen sind hier oben sicht- und spürbar


Allerdings: Vom Weiss gibt es immer weniger. Wie dramatisch sich das Klima verändert, zeigen Langzeitmessungen auf dem Jungfraujoch. Die Fischers brauchen allerdings keine hochsensiblen Instrumente, um über den Klimawandel Bescheid zu wissen. «Wir haben hier zwar garantiert noch jedes Jahr weisse Weihnachten, aber die Veränderungen sind sicht- und spürbar», sagt Martin. «Im ersten Jahr kam es eigentlich nie vor, dass es regnete, heute haben wir im Sommer mehr Regen als Schnee.» Ist es eigentlich gesund, so viel Zeit in der Höhe zu verbringen? «Schädlich ist die starke kosmische Strahlung vermutlich schon, aber dafür geniessen wir hier oben saubere Luft», sagt Martin. «Und das Herz muss stärker pumpen, das hält die Adern sauber. Alle unsere Vorgänger wurden jedenfalls uralt.» An einem so schönen Ort zu arbeiten, das tue einfach gut. Auch nach 15 Jahren ist Joan immer wieder hingerissen von der Aussicht auf dem Jungfraujoch. «Für uns ist das der schönste Arbeitsplatz der Welt.»

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